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  Gunhild Simon: Studienrätin a.D.
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das oder dass?
Eine grammatische Betrachtung zum besseren und differenzierten Verständnis der Rechtschreibung


Von Gunhild Simon

Die Rechtschreibreform hat nicht in die grammatische Besonderheit der Unterscheidung zwischen das und dass eingegriffen. Die reformierte Schreibung von dass hat lediglich lautliche Gründe, denn in allen Fällen, wo auf einen kurzen Vokal[1] folgend das Silbenende mit einem scharfen s, welches ß geschrieben wurde, ausgelautet war, ist jetzt ss zu schreiben.

Diese Neuregelung ist aus der Einsicht erwachsen, ein Wort, das auch in seiner Verlängerung ein Doppel-s enthält, werde  auf diese Weise verständlicher und folglich schreibfreundlicher. So erschien es nur logisch, konsequent und ästhetisch, bei der Schreibung von dass analog zu verfahren.

Denn der Vorteil der Reform liegt hier eindeutig fest: Folgt ein ß, wird der vorausgehende Vokal lang gesprochen. Der Umkehrschluss war also: Geht ein kurzer Vokal voraus - wie im vorliegenden Fall, so folgt ein Doppel-s. Diese lautliche Regel war also maßgeblich für die veränderte Orthographie.

Auch versierte Schreiber zeigen Unsicherheiten im Umgang mit der Differenzierung von das und dass. Es liegt daran, dass diese Wörter neben einer orthographischen eine grammatische Bedeutung haben. Genau genommen handelt es sich um fünf verschiedene grammatische Bedeutungen, die es zu unterscheiden gilt, um es richtig zu verwenden und zu schreiben. Es stellt sich die Frage: Liegt ein bestimmter Artikel[2], ein Demonstrativpronomen[3], ein Relativpronomen[4], eine Junktion[5] oder die Einleitung eines Wunschsatzes vor?

1. das als bestimmter Artikel
Im Deutschen geht dem Substantiv in der Regel ein Artikelwort voraus. Als Artikel tritt das sowohl im Neutrum[6] Nominativ[7] Singular[8] (wer oder was?) als auch im Akkusativ[9] Singular (wen oder was?) auf.
Beispiele

das Mädchen, das Kind, das Boot

Beispiele im vollständigen Satz

Das Mädchen liebt den Jüngling. (Nominativ)

Der Jüngling liebt das Mädchen. (Akkusativ)

2. das als Demonstrativpronomen
Demonstrativpronomen weisen auf etwas hin, sei es ein Gegenstand, eine Person,  also ein Substantiv oder ein Umstand, dessen Kontext bereits bekannt ist. Als  Demonstrativpronomen antwortet das auf die Frage Welches / Was? Es kann das, dies, dieses oder jenes lauten.
Beispiele

Welches Kleid meinst du?

Ich meine das (da).

Meintest du den Zusammenhang zwischen ... und ...?

(Genau) das meinte ich.

3. das als Relativpronomen
Relativpronomen beziehen sich auf einen Begriff oder einen Umstand, der  eingehender beschrieben werden soll. Dies geschieht durch einen Nebensatz[12], der sich verständlicherweise direkt an den betreffenden Gegenstand anschließt. Relativpronomen im Neutrum - nur davon ist hier die Rede -  lauten das oder welches.  Beide sind im Nominativ und Akkusativ im Deutschen identisch. (Das gleichwertige Relativpronomen welches wendet man seltener an, denn es klingt bisweilen schwerfällig.)
Beispiele

Das Mädchen, das dem Wolf in den Wald hinein folgte, war das Rotkäppchen. (Nominativ)

Das Mädchen, das vom Wolf auf Abwege geführt wurde, war das Rotkäppchen. (Akkusativ)

4. dass als Junktion
Um diese grammatischen Vorschriften übersichtlicher zu machen und um den Gegenstand, auf den sich dass in dieser Funktion bezieht, als einen komplexen Zusammenhang zu kennzeichnen, wurde es orthographisch besonders gekennzeichnet. dass leitet einen Nebensatzein. Dies kann verschiedene Bereiche betreffen. Man erkennt es daran, dass mit ihm Verben[13] der sinnlichen Wahrnehmung, des Wollens und Denkens einhergehen.
Beispiele

Ich sehe, dass du kommst.

Ich möchte, dass du mich besuchst.

Ich fürchte, dass du mich verlässt.

Dass du bleibst, freut mich.

Man erkennt es auch daran, dass Verben des Redens, Denkens und der sinnlichen Wahrnehmung die indirekte[14] Aussagen einleiten.
Beispiele

Ich sagte, dass ich gehen müsse.

Er dachte, dass sie käme.

5. dass als Einleitung eines Wunschsatzes
Eine seltene Verwendung findet dass in Sätzen, die einem Wunsch Ausdruck verleihen, im Sinne von Wenn doch...! Beispiel: Dass mir doch die Kräfte verliehen wären! Diese Sätze enthalten einen gedachten Hauptsatz, der nicht explizit ist: Ich wünschte, hoffte usw., ... Und jetzt noch die Faustregel, die man im vierten Grundschuljahr erlernt: Kann das weder durch dieses, jenes oder welches ersetzt werden, schreibt man dass.

[1] Vokal = Selbstlaut (a,e,i,o,u) Diphthong= Zwielaut (au, äu, eu, ei) Gegensatz: Konsonant = Mitlaut (z. B. b, d, f)

[2] bestimmter Artikel = Geschlechtswort (der, die das), unbestimmter A. = unbestimmtes G. (ein, eine, ein)

[3] Demonstrativpronomen = Hinweisendes Fürwort (z. B. dieser, jener, derjenige)

[4] Relativpronomen= Verhältniswort (z. B der..., der ...)

[5] Junktion bedeutet Verbindung, genauer gesagt: eine grammatische Verbindung zweier Teile eines Satzgefüges. Um Bindewörter, die Haupt- Nebensätze und solche, die Hauptsätze in einen Zusammenhang bringen, fügen, also zu einem Satzgefüge machen, unterscheidet man heute feinsinniger. Das Bindewort zwischen Haupt- und Nebensatz lautet "Subjunktion", um die ungeordnete Beziehung des Nebensatzes zum Hauptsatz auszudrücken, Entsprechend lautet der Fachbegriff für einander gleichgeordnete Hauptsätze "Konjunktion".

[6] Neutrum, abk. n. sächlichen Geschlechts. (Maskulinum, m. = männlich, Femininum, f. = weiblich)

[7] Nominativ = 1. Fall, Werfall, Wer?

[8] Singular = Einzahl. Plural = Mehrzahl

[9] Akkusativ = 4. Fall, Wenfall, Wen?

[12] Nebensatz = Teil eines Satzgefüges, das ohne Bindung an den Hauptsatz unvollständig ist. (z.B. ich gehe, weil ich müde bin.)

[13] Verb = Tuwort (z.B. gehen), verbum (lat.) = Wort

[14] Indirekte (Rede) = nicht wörtliche sondern durch einen Nebensatz kenntlich gemachte referierte Rede. ( z. B.: Er sagte: "ich gehe."--> Er sagte, dass er gehe.)

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